Weichen stellen für mehr Nachhaltigkeit: Warum Phase 0 so wichtig ist (Gastbeitrag)

verfasst von Dr. Stefanie Weidner
Gastartikel Werner Sobek

Rund 2,4 Mrd. zusätzliche Menschen benötigen bis 2050 ein menschenwürdiges Habitat. Dieses umfasst Wohngebäude, Arbeitsplätze, Freizeit- und Bildungsbauten und eine entsprechende Infrastruktur. Die baulichen Standards sind – meist in Relation zum Bruttoinlandsprodukt – global stark verschieden. Während ein Bürger einer Industrienation bis zu 500 t Material beansprucht, liegt der Durchschnitt in Entwicklungsländern bei knapp 150 t pro Person. In welches Umfeld diese 2,4 Mrd. zusätzlichen Menschen hineingeboren werden und wie sich bis dahin die Ansprüche entwickeln, spielt also eine sehr große Rolle.

Die Grenzen des globalen Wachstums

Die Erde hat nur limitierte Kapazitäten, um für alle gleichermaßen ein bestimmtes Wachstum zu ermöglichen. Die „Grenzen des Wachstums“, wie der Club of Rome bereits 1972 so treffend prophezeite, sind sukzessive in vielen Lebensbereichen deutlicher zu spüren. Extremwetterereignisse, ein massenhaftes Artensterben und das Ansteigen des Meeresspiegels erinnern uns an unsere Verwundbarkeit. Wir sollten diese Anzeichen als Weckruf wahrnehmen, endlich mit alten Gewohnheiten zu brechen.

Fakten zum globalen Ressourcenverbrauch

Auf ganzheitlicher Ebene nachhaltig Planen

Umso wichtiger ist es, jetzt zu handeln und (Bau-)projekte frühzeitig in eine zukunftsfähige Richtung zu lenken. Jedes Bauvorhaben beginnt mit einem Bedarf. Wir als Planende hinterfragen aber nur selten den Umfang unseres Planungsauftrags, da sich an diesem ja auch unser Honorar bemisst. Um auf ganzheitlicher Ebene nachhaltig zu planen, müssen wir aber genau das tun. Jeder nicht gebaute Quadratmeter, jede Fläche, die geteilt werden kann oder eine Doppelfunktion mit Mehrfachnutzung hat, bedeutet eine wertvolle Einsparung natürlicher Ressourcen. Nachhaltigkeit beginnt in der Phase 0 eines Projekts.

Eine genaue Standortanalyse ist das A und O

Neben den Aspekten der Raumgrößen und Bauvolumina muss zwingend der Standort analysiert und auf seine Potenziale hin durchleuchtet werden. Mobilitätskonzepte sowie Umwelt- und Sozialstudien können die Eignung des Standorts für das Bauvorhaben begründbar machen und somit Faktoren wie Leerstand oder Nutzerunzufriedenheit vorbeugen. Dabei gilt: Eine langfristige und intensive Nutzung eines Gebäudes in Verbindung mit einer möglichen Umnutzbarkeit und Flexibilität ist einer der wichtigsten Aspekte eines nachhaltigen Bauwerks.

Wir müssen uns von dem Gedanken lösen, dass wir für die Ewigkeit bauen. Unsere Gebäude sind bereits heute die Materialminen der Zukunft und müssen als genau solche geplant und ausgeführt werden. Aktuelle Abbruchbauten können bereits heute als Mine für Neubauten dienen und Primärrohstoffe ersetzen. Eine entsprechende Dokumentation und Digitalisierung des Planungsprozesses in allen Phasen sind dabei unerlässliche Parameter und sollten frühzeitig festgeschrieben werden.

Fakt Materialverbrauch am Bau

Wiederverwendung der bestehenden Gebäudesubstanz

Eine weitere Untersuchung, die jedem Neubauvorhaben vorausgehen sollte: Gibt es eine bestehende Gebäudesubstanz, die für eine Weiterverwendung durch Transformation infrage kommt? Für eine neutrale Beurteilung der ökologischen Sinnhaftigkeit müssen Planende zwei Szenarien miteinander vergleichen.

  • Szenario 1: Erhalt des Bestands sowie Grundsanierung beziehungsweise Aufbereitung oder Erweiterung der Substanz. Auf diese Weise lassen sich aktuelle Anforderungen an Raumgrößen, Deckenhöhen, Barrierefreiheit und bauphysikalische Aspekte erreichen. Den Aufwand für qualitätssteigernde Maßnahmen, darunter nachträgliche Lichthöfe oder das Entfernen von einzelnen Geschossdecken, gilt es zu berücksichtigen.
  • Szenario 2: Abbruch des Bestandsgebäudes und Ersatz durch Neubau.

Kein Neubau auf Greenland

Ein Vorteil beider Szenarien besteht darin, dass ein Neubau auf Greenland, also der sprichwörtlichen grünen Wiese, vermieden wird. Bestehende Anschlüsse und Infrastrukturen können weitergenutzt werden. Denn auch das steht in der Verantwortung von uns als Planenden. Den Anteil an überbauter oder generell versiegelter Fläche (wozu auch Straßenanlagen zählen) möglichst gering zu halten. Dies erreichen wir zum Beispiel durch Nachverdichtung, Ausreizung der zulässigen Gebäudehöhen und eine maximale Geschossflächeneffizienz.

Fakten Baustoffe

Erhalt von Bestandsgebäuden

Der Vergleich zwischen Szenario 1 und 2 wird zumindest im Falle eines Gebäudes in Massivbauweise hinsichtlich des anfallenden Ressourcen- und Treibhausgasaufwands unweigerlich für das erste Szenario entschieden. Je nach Gebäudetypologie verursachen die Tragstruktur, also Decken, Dach, Bodenplatte und die tragenden Wände zwischen 40-70 Prozent der grauen Emissionen und massenmäßig sogar einen noch größeren Anteil der Ressourcenverbräuche.

Unter ökologischen Aspekten ist es somit fast unmöglich, einen Neubau dem Bestandserhalt vorzuziehen. Eine Ausführung des Neubaus in Holz- oder Holzhybridbauweise kann dieses Verhältnis gegebenenfalls auch zu Gunsten von Szenario 2 verändern. Doch selbst bei nachwachsenden Rohstoffen gilt der Grundsatz der Suffizienz.

Holz ist ein wertvoller Rohstoff, der auch verarbeitet und transportiert werden muss – und der nur in sehr begrenztem Umfang zur Verfügung steht. Sofern existierende Bausubstanz vorhanden ist, die sich technisch sinnvoll wiederverwenden lässt, sollte das selbst einem Holzneubau vorgezogen werden. Natürlich kann nicht zwingend jede Bausubstanz wiederverwendet werden; dies muss aber in LPH 0 abgeklärt werden.

Überlegungen zum Enegieverbrauch von Gebäuden

Der Energieverbrauch von Gebäuden ist vor allem nach dem KfW-Förderungstumult zu Beginn des Jahres wieder ein großes Thema. Sowohl für Bestandssanierungen als auch für Neubauten gilt es, in Phase 0 die richtigen Weichen zu stellen. Die Werte, die rechnerisch erreicht werden, berücksichtigen leider nicht die Komponente Nutzer, sodass in der Praxis beim Endenergieverbrauch zum Beispiel im Wohnungsbau häufig keine maßgeblichen Unterschiede zwischen EH 55 und EH 40 zu verzeichnen sind. Den Aufwendungen für Gebäudetechnik und zusätzliche Dämmmaßnahmen und einer schlechteren Geschossflächeneffizienz steht damit schlimmstenfalls keine Reduktion des Energieverbrauchs gegenüber.

Fakten Emissionen am Bau

Weitblick bei der Planung ist gefragt

Viele Entscheidungen, die Planende während der Projektierung treffen, bedürfen eines umfassenden Weitblicks über die Aspekte der Nachhaltigkeit in all ihren Facetten. Als Planende müssen wir genau diesen frühen und weichen Projektzeitpunkt dafür nutzen, die Bauvorhaben mit den Bauherren zu formen, Ziele zu formulieren, die für die nächsten Leistungsphasen als Orientierung dienen. Manche Städte oder kommunale Einrichtungen, wie zum Beispiel die HafenCity Hamburg, spüren die Notwendigkeit die Anforderungen an Bauherren nachzuschärfen. Sie fordern inzwischen vertraglich bindende Zusagen zu Nachhaltigkeitsthemen wie Ressourcenverbrauch oder eine Reduktion der grauen Emissionen. Gerade hier können Planer durch eine frühzeitige Einbindung wichtige Impulse geben und dazu beitragen, das Projekt frühzeitig ökologisch und ökonomisch nachhaltig aufzustellen.


Über die Werner Sobek AG

Unser Unternehmen umfasst mehr als 350 Mitarbeiter:innen und ist international vertreten. In unseren Büros arbeiten Menschen aus mehr als 40 Ländern, die ebenso viele Sprachen sprechen. Wir bearbeiten alle Typen von Bauwerken und Materialien. Besondere Schwerpunkte liegen hierbei auf dem Entwurf und der Planung von Tragwerk, Fassade und Technischer Gebäudeausrüstung sowie auf der bauphysikalischen Beratung.


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